Sportland NDR | 12.10.2009 21:05 Uhr
Boule-Boom im Sportland Niedersachsen

Männerhände halten drei Boule-Kugeln © picture-alliance/Helga Lade Fotoagentur GmbH/Olende Schall Fotograf: Oldende Schall
Als Sport- und Freizeitvergnügen wird Boule beziehungsweise Boule-Pétanque in Niedersachsen immer beliebter. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der in Vereinen organisierten Boule-Spielerinnen und -Spieler von rund 300 auf 1.600 erhöht. Gespielt wird in 80 Vereinen oder Abteilungen. Der Niedersächsische Pétanque-Verband e. V. hat sich zum drittgrößten Landesverband im Deutschen Pétanque Verband entwickelt.
Bundesweit sind 14.000 Spielerinnen und Spieler mit Lizenz aktiv. Die Zahl der nicht in Vereinen organisierten Freizeitspieler wird auf mehr als drei Millionen geschätzt. Als Folge des Booms wurden in vielen - auch niedersächsischen - Städten öffentliche Boule-Anlagen geschaffen.
Boule-Hochburg Schüttorf in der Grafschaft Bentheim
Der FC Schüttorf 09 aus der Grafschaft Bentheim hat sich zu einem Leuchtturm des Boule-Sports in Niedersachsen entwickelt. Gegründet wurde die Boule-Abteilung des Vereins 1999, ihr gehören mittlerweile 80 aktive Spielerinnen und Spieler an. 2002 wurde die Abteilung in den Niedersächsischen Pétanque-Verband aufgenommen. Inzwischen verfügen die Schüttorfer über eine eigene Boule-Anlage, den im Sportpark gelegenen sogenannten Boulodrom. Er war im vergangenen September erstmals Austragungsort der Deutschen Meisterschaft.
Boccia, Boule oder Pétanque?
Das französische Wort Boule gilt in Deutschland als Oberbegriff für die unterschiedlichen Formen des Kugelspiels, das sowohl als Wettkampf- wie auch als Freizeitsport ausgeübt wird. Die populärste Form ist das sogenannte Boule-Pétanque. Der Begriff Boule wird zudem häufig für das italienische Boccia verwendet.
Wenige Regeln, viel Spannung
Die Boule-Regeln sind einfach. Die Spielidee ist vergleichbar mit der des Eisstockschießens oder des Curlings. Das Spielfeld ist zehn Meter lang und drei Meter breit, gespielt wird mit Stahlkugeln. Die Spieler müssen ihre Kugeln so nah wie möglich an eine kleinere Zielkugel werfen oder rollen. Zur Taktik gehört es, die Kugeln des Gegners aus der Nähe des Ziels zu schießen. Es kann allein gespielt werden oder in Teams von zwei bis drei Spielern.
Vom IOC anerkannt
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat den internationalen Dachverband für Kugelspiele, die Conféderation Mondiale des Sports de Boules (CMSB), anerkannt. Allerdings war Boule nur einmal, im Jahr 1900, Olympische Disziplin. Die Medaillengewinner kamen alle aus der Boule-Hochburg Frankreich. In Deutschland gibt es inzwischen eine Boule-Bundesliga und eine Deutsche Meisterschaft. International werden Europa- und Weltmeisterschaften ausgetragen.
Boule und Integration
Der Boule-Wettkampfsport kennt keine Abgrenzung zum Behindertensport. Daher, so Manfred Sundag, Vorsitzender der Boule-Abteilung im FC Schüttorf, biete sich Boule als idealer Integrationssport an. Das gelte auch für die Integration älterer Sportlerinnen und Sportler.
Urlaubszeit ist Boule- und Boccia-Zeit
Boule kann ebenso wie Boccia nahezu überall gespielt werden, unter anderem auch dort, wo sich die meisten Sommerurlauber aufhalten: am Strand. Inzwischen gehören leichtere Boccia-Kugeln aus Plastik zum Handgepäck vieler Urlauber. Die original Boccia-Kugeln sind aus Holz und schwerer. Sie werden wegen ihres Gewichts ebenso wie die stählernen Boule-Kugeln gern am Ort gemietet. Dass Boule und vor allem Boccia in Deutschland außerordentlich bekannt werden konnten, ist unter anderem Verdienst eines Politikers.
Protagonist Konrad Adenauer

Konrad Adenauer beim Boccia-Spiel 1960 in Cadenabbia © picture-alliance/dpa Fotograf: UPI
große Bildversion anzeigen Konrad Adenauer beim Boccia-Spiel 1960 in Cadenabbia
Immer wenn Konrad Adenauer, erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, in den italienischen Ferienort Cadenabbia fuhr, waren seine Boccia-Mitspieler schon da. Mit von der Boccia-Partie war jedes Mal auch die obligatorische Schar der Journalisten. Sie transportierten die Bilder und Filme mit dem Boccia spielenden Kanzler alljährlich zur besten Sendezeit ins deutsche Fernsehen. Die bewegten Bilder aus Cadenabbia, die den Kanzler in voller Konzentration beim Boccia zeigten, dürfen daher gern zu den ersten Sportbeiträgen des noch jungen deutschen Fernsehens gezählt werden.
Leider haben die Reporter den Ausgang der Spiele regelmäßig verschwiegen. Doch durch Konrad Adenauer wurde Boccia in Deutschland ähnlich bekannt wie etwa Fußball. Nur gespielt haben es die Deutschen damals nicht. Das sollte sich später durch den ebenfalls nach Italien einsetzenden Strom der Urlaubsreisenden ändern.
Was hat Boule, was Boccia nicht hat?
Den Sprung vom Freizeitvergnügen zum Aktivensport schaffte in Deutschland allerdings nicht das italienische Boccia, sondern der französische Volkssport Boule. Das könnte an den komplizierteren Boccia-Regeln liegen. Die Spielerinnen und Spieler müssen hier vor jeder Aktion die geplante Taktik ankündigen. Beim Boule hingegen können die Teams frei und ohne Vorankündigung handeln. Das setze viel Kreativität frei und sorge für Überraschungen und Stimmung, sagen Boule-Spieler.
Geschichtsträchtige Kugeln
Boule oder verwandte Spielformen gehören zu den ältesten bekannten Sportarten. Schon 460 v. Chr. soll unter anderem der griechische Arzt Hippokrates das Spiel, das damals mit runden Steinen ausgeübt wurde, aus medizinischen Gründen empfohlen haben. Auch der berühmte englische Freibeuter und Vizeadmiral Sir Francis Drake soll ein begeisterter Spieler des Bowles, der britischen Variante des Boule, gewesen sein. Als er die Nachricht von der Ankunft der spanischen Armada erhielt, soll er gesagt haben, er wolle zunächst sein Spiel beenden, bevor er sich an den Angriff mache.
Boule im Sportland am 12. Oktober
Die Sendung Sportland kommt am 12. Oktober aus dem Vereinsheim des FC Schüttorf. Peter Berg und seine Gäste stellen die Sportart Boule vor, informieren über die Aktivitäten der Schüttorfer Boule-Abteilung und sprechen über die zunehmende Beliebtheit dieses Sports in Niedersachsen.
In die Sendung eingeladen sind:
* Gerda Kordmann, ehemalige Vize-Präsidentin des Landessportbundes Niedersachsen (LSB)
* Hannes Kerkhoff, Vorsitzender des FC Schüttorf 09
* Manfred Sundag, Abteilungsleiter Boule im FC Schüttorf 09
* Heinrich Türk, Leiter des Sportbetriebs im FC Schüttorf 09
Redaktion und Moderation: Peter Berg
Stand: 09.10.2009 13:05